Josef Waldispühl (1920 - 2000)

 

Leben
Geboren am 7. Januar 1920 in Reussbühl. Sein Vater, ursprünglich in Neuenkirch aufgewachsen, arbeitete in der „Emmenweid“, wie man damals sagte, im von Moos’schen Eisenwerk. In Reussbühl besuchte Josef Waldispühl die Schule. In der Sekundarschule fiel er zum ersten Mal durch seine besondere Begabung im Zeichnen auf. Er freute sich, als der Lehrer ihn vor der ganzen Klasse als „Kunstmaler“ lobte.

 

1936, nach der Schulentlassung gestattete sein Vater, dass er in die Kunstgewerbeschule Luzern übertrat. Obwohl der Vater kurz darauf starb und er einen Vormund erhielt, durfte er weiterhin die KGS besuchen. 1939 starb dann leider dieser ihm wohl gesonnene Vormund plötzlich, und der neue Vormund, ein Lehrer, hatte kein Verständnis für diese brotlose Zeichnerei. Er drängte ihm eine Lehre als Flachmaler auf. Zwar fügte er sich diesem Befehl, doch zeichnete und malte er in seiner Freizeit weiter. Später war er in Zeiten schwacher Aufträge dann allerdings froh um diesen Brotberuf. Als er dem Verleger Robert Räber seine Postkartenzeichnungen vorlegte, ermutigte ihn dieser Ende 1941, an der Nationalen Kunstausstellung im Kunsthaus Luzern auszustellen. Dort wurde der Winterthurer Kunstsammler Dr. Werner Reinhart, der Bruder des noch berühmteren Kunstsammlers Oskar Reinhart, auf ihn aufmerksam. Er kaufte ihm einige Bilder ab und wurde von da an sein ständiger Förderer und Unterstützer.

 

Die Luzerner Zeitungen schrieben nach der Ausstellung von einem viel versprechenden jungen Kunstmaler, und das brachte ihm immer wieder kleine Aufträge ein, aber die Einkünfte blieben trotzdem bescheiden, und vor allem: unregelmässig. Von seiner künstlerischen Arbeit konnte Waldispühl kaum leben. Immerhin: als er 1942 von Reinhart den Auftrag für sein Bild „Unterwasserwelt“ erhalten hatte, mietete er sich ein eigenes Zimmer. Werner Reinhart verschaffte ihm auch die Möglichkeit, einen Monat Ferien im Berner Oberland zu verbringen.

 

Nach langer Suche fand er eine Stelle als Kopierer alter Stoffe in einer Stoffdruckerei in Zürich. In dieser Zeit wohnte er im Restaurant Waldhaus in Sihlbrugg. In der Freizeit streifte er dann oft  mutterseelenallein durch den Sihlwald und beobachtete die Natur.

 

1948 kündigte er und kehrte ohne neue Stelle nach Luzern zurück, er wohnte dann bei seinem Bruder in Waldibrücke. Wieder versuchte er sich mit Gelegenheitsaufträgen. Daneben arbeitete er als Baumaler, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, zumal nachdem sein grosser Gönner Werner Reinhart 1950 verstarb.

 

1949 traf er im Bahnhof Luzern zufällig einen ehemaligen Kollegen von der Kunstgewerbeschule, Josef Luterbach aus Neuenkirch. Dieser erzählte ihm, dass in Neuenkirch ein Maler, der in einem alten Haus eine Wohnung mit Atelier gehabt habe (es war die alte Post) gestorben sei, und dass diese Wohnung günstig zu haben wäre. Waldispühl schaute sich die Sache an. Das Haus war baufällig, aber die Miete günstig, und so zog er schliesslich in diese Wohnung ein. Er selber beschrieb seine Gefühle wie folgt: „So war ich nach Neuenkirch, fast möchte ich sagen, ins gesegnete Land zurückgekehrt, wo einst mein Vater an den sonnigen Halden über dem Sempachersee seine Jugendjahre verlebte“.

 

In der Folge erhielt er immer wieder Gelegenheitsaufträge. Die meisten seiner Werke sind denn auch heute breit gestreut in Privatbesitz. Anfang der 50er-Jahre durfte er in Neuenkirch sogar eine Ausstellung im Gemeindehaus durchführen.

 

Die 36 Jahre in Neuenkirch waren wohl seine fruchtbarsten und unbeschwertesten Jahre. Im Sommer arbeitete er häufig als Baumaler, im Winter widmete er sich seinen Kunstarbeiten. Dank seiner Bescheidenheit kam er mit wenig aus. Ein Bekannte erinnert sich, wie er ihn einmal im Winter in seinem Atelier in der Alten Post besuchte. Da er kein Brennholz mehr hatte, war es kalt. Waldispühl arbeitet im Mantel und hatte eine ganze Reihe Kerzen aufgestellt. Diese gäben auch Wärme ab, meinte er.

 

Als die alte Post 1985 abgebrochen wurde, fand er in Schwarzenberg im alten Schulhaus ein neues Daheim. Seine Vormieterin dort im alten Schulhaus war Rita Bucher, die kurz darauf als Lehrerin nach Neuenkirch in das Nachbarhaus der ehemaligen Alten Post einzog. Auch im Schwarzenberg lebte er in bescheidenen Verhältnissen, und er blieb er immer noch eng mit Neuenkirch verbunden: vor allem über seine Bekannte Rita Bucher. Sie lud ihn mehrmals auf Schulbesuch ein, und er kam jedes Mal gerne und berichtete den Schülern vorzugsweise über das Leben in den 1940er-Jahren, den Kriegsjahren.

 

1991 erteilte ihm die Raiffeisenbank Neuenkirch zu ihrem 50-Jahr-Jubiläum den Auftrag, bekannte Gebäude in Neuenkirch zu skizzieren. Es entstanden in der Folge eine ganze Anzahl Bleistiftzeichnungen mit Sujets aus Neuenkirch: Vater-Wolf-Brunnen, Haus Grünau, Sonne, Löwen, Zentrum Stäg, Kapelle Adelwil, Bauernhaus Moosschür. Sie wurden in der Jubiläumsbroschüre der Raiffeisenbank veröffentlicht.

 

Mitte der 90er-Jahre – da war Josef Waldispühl schon 75 - verschlechterte sich sein Gesundheits-zustand. Er litt an Diabetes. 1997 musste ihm gar ein Bein amputiert werden, und er musste ins Pflegeheim Staffelnhof nach Reussbühl umziehen. Sein Lebenskreis hatte sich geschlossen: In Reussbühl, wo er geboren war, starb er am 24. März 2000.

 

Persönlichkeit
Josef Waldispühl war ein einfacher, bescheidener Mann. Seine Bescheidenheit und seine schüchterne Art hinderten ihn aus seinem Talent finanzielle Vorteile zu ziehen. So war er zeitlebens knapp bei Kasse und konnte sich keine teure Wohnung leisten – mit ein Grund, warum er in die alte Post nach Neuenkirch kam. Immer wieder fanden sich gute Menschen, wie der bereits erwähnte Mäzen Werner Reinhart aus Winterthur, die ihm ein Bild abkauften oder auch mit Esswaren versorgten. Allerdings konnte er, wenn er einmal ein Bild für einen anständigen Preis verkauft hatte, ganz schön über die Stränge hauen. Da fuhr er denn schon einmal nach Luzern und übernachtete in einem Erstklasshotel, um das Leben einmal richtig geniessen zu können.

 

Er wird als liebenswürdiger Mensch geschildert, der niemandem etwas zu Leide tun konnte. Wenn man seinen Lebenslauf analysiert und auch seine Handschrift anschaut, darf man ihn wohl auch in einem gewissen Sinne als naiv bezeichnen. Man könnte auf ihn treffend das Bibelwort anwenden: „Betrachtet die Vögel des Himmels: sie säen nicht, sie ernten nicht, und trotzdem ernährt sie der himmlische Vater“. Als er mit 65 die AHV erhielt, war das ein völlig neues Gefühl: jeden Monat kam nun Geld, ohne dass der sich darum sorgen musste. Er blieb zeit seines Lebens der bescheidene, liebenswürdige Sonderling, der von der Hand in den Mund lebte und sich selten etwas leisten konnte.

 

Grosse Freude hatte er, als ihm 1967 der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer auf seine Gratulation zum 91. Geburtstag hin eine Dankeskarte schickte, die zwar vorgedruckt, aber immerhin von Adenauer eigenhändig unterzeichnet war

 

Werk
Seine Lieblingssujets waren Pflanzen (vor allem Blumen), Tiere und Landschaften, wie gerade die Sujets aus Neuenkirch zeigen. Er malte vorwiegend mit Farbstiften, sehr detailgenau und nach der Natur. Meist hatte er seinen Skizzenblock mit dabei, wenn er unterwegs war, so auch an jenem Februarmorgen 1971, als er zufällig im Bahnhof Luzern war, als plötzlich die Feuerwehr auftauchte und die Leute aus dem brennenden Bahnhof weg schickte. Er ging hinüber zur Hofkirche, setzte sich hin und zeichnete, was da in den Winterhimmel loderte.

 

Seine bedeutendsten Werke, die auch formatmässig über das Postkartenmass herausragen, sind die „Unterwasserwelt“ und die „Mondlandschaft“.

 

Das Bild „Unterwasserwelt“, das heute in der Gemeindebibliothek Neuenkirch hängt, hat eine eigene Geschichte: Es entstand 1942, also als Jugendwerk (mit 22 Jahren) als Auftragswerk seines Mäzens Dr. Werner Reinhart, mit welchem er während der Entstehung diverse Zwischenbesprechungen abhielt. Nach der Vollendung empfand dieser das Bild aber als zu düster und gab es Josef Waldipühl wieder zurück. Über 20 Jahre behielt er es daraufhin bei sich, bis er es 1964 an Herrn und Frau Alfred und Margrit Sigrist-Spiess in Luzern für die Arztpraxis von Frau Dr. Spiess verkaufen konnte.

 

Dort hing es und soll gemäss Aussagen von Alfred Sigrist sogar vom berühmten Dirigenten Herbert von Karajan bestaunt worden sein, bis 2001 Frau Dr. Spiess starb und die Arztpraxis aufgelöst wurde. 2004 bot es Sigrist der Gemeinde Neuenkirch zum Kauf an. Die anfängliche  Offerte war allerdings so hoch, dass ihm der Gemeinderat mitteilte, sie sei angesichts der  knappen Gemeindefinanzen nicht verkraftbar. Auf diese Antwort hin überraschte Herr Sigrist aber mit einem Angebot, das dann ernsthaft geprüft und schliesslich angenommen wurde. Sigrist begründete sein Entgegenkommen wie folgt:

 

„Ich durfte dieses wunderschöne Bild nun während drei Jahrzehnten anschauen, und ich bin überzeugt, dass auch andere Bürger, vor allem diejenigen seines ehemaligen Wohnortes Neuenkirch ebenfalls viel Freude damit bekommen. Ich möchte annehmen, dass diese Haltung auch vom Künstler selbst gerne gesehen würde“. Nach einer umfangreichen Restaurierung und Neurahmung wurde die „Unterwasserwelt“ am 1. Oktober 2005 zur Eröffnung der neuen Gemeindebibliothek in Anwesenheit des Vorbesitzers Alfred Sigrist, einer Nichte des Künstlers (Tochter seiner Schwester), Lisbeth Kummer-Wicki und ihres Bruders (und somit Neffen des Künstlers), Herr Wicki, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.


 

Josef Waldispühl 


 

Josef Waldispühl Stadt 


 

Josef Waldispühl Pflanze 1 


 

Josef Waldispühl Blüten 


 

Josef Waldispühl Eichhörnchen